Sexualisierte Gewalt beginnt nicht erst dort, wo wir sie sehen

Was drei Paderborner Fachberatungsstellen derzeit erleben und warum Prävention dringender denn je ist.

Foto ist KI-generiert

Ein Fall sexualisierter Gewalt gegen ein Kind betrifft selten nur eine Person. Manchmal zieht ein einziger Fall Kreise durch mehrere Familien – über die Grenzen einer Stadt hinaus. Wenn etwa eine erwachsene Person aus dem familiären Umfeld sexualisierte Darstellungen von Kindern herstellt oder besitzt, betrifft das auch Eltern, Geschwister und weitere Angehörige. Auch sie müssen mit dem Geschehen umgehen und die Beschämung und Stigmatisierung mittragen. Bei Kindern, die im gleichen Haushalt leben, besteht ein höheres Risiko, dass sie ebenfalls in irgendeiner Form von sexualisierter Gewalt betroffen sein könnten und es muss eingeschätzt werden, ob die erziehungsberechtigten Bezugspersonen die Kinder schützen können.

Genau diese Komplexität erleben die drei Paderborner Fachberatungsstellen Belladonna (SkF – Sozialdienst katholischer Frauen Paderborn e.V.), die Frauenberatungsstelle Lilith e.V. und die Beratungsstelle MUT.ich (Caritasverband Paderborn e.V.). Die Anfragen von Betroffenen, Angehörigen und Fachkräften werden nicht nur zahlreicher, sondern auch vielschichtiger.

Dabei geht es längst nicht nur um die Frage, was nach einem Übergriff passiert und wie man Kinder und Angehörige in dieser Situation emotional stabilisieren kann. Im Fokus steht zunehmend die Frage, unter welchen Bedingungen die jungen Menschen Sexualität kennenlernen. Kinder berichten in der Beratung offen, dass sie fast täglich ungefragt Nacktbilder zugeschickt bekommen oder von Fremden danach gefragt werden.

Sexualität findet auf dem Smartphone statt

Kinder und Jugendliche wachsen digital auf. Über soziale Medien und Pornografie begegnen ihnen Darstellungen von Sexualität und Geschlechterrollen, die selten altersgerecht, realistisch oder gewaltfrei sind. Problematisch wird es, wenn diese Inhalte zur Hauptquelle für Sexualaufklärung werden. Pornografie vermittelt oft ein Bild, in dem Grenzüberschreitungen als normal erscheinen. Eine Fachkraft berichtet aus der Praxis: „Mädchen sagen immer häufiger in der Beratung, dass Würgen ganz normal ist“ – teilweise bis zur Bewusstlosigkeit. Digitalmedien sind zwar selten die alleinige Ursache für Grenzverletzungen, sie verstärken jedoch bestehende Risikofaktoren. Eine Beraterin betont: „Pornos geben eine Norm vor, nicht nur eine Anregung.“ Studien bestätigen diesen Trend: Jugendliche kommen meist zwischen 12 und 15 Jahren erstmals mit Pornografie in Kontakt. Laut einer Studie der Landesanstalt für Medien NRW stuft nur rund ein Drittel der Befragten diese Inhalte als überwiegend unrealistisch ein – bei elf- bis dreizehnjährigen Jungen sogar nur knapp jeder Fünfte.

„Nein“ sagen muss gelernt sein

Sexuelle Bildung umfasst daher mehr als biologische Fakten. Kinder und Jugendliche müssen lernen, eigene Grenzen wahrzunehmen und zu benennen. Ein „Nein“ muss jederzeit möglich sein und vom Gegenüber akzeptiert werden. Dafür braucht es Erwachsene in Familie, Kita und Schule, die zuhören und Orientierung geben. Gespräche über Sexualität, soziale Medien und Grenzen dürfen nicht erst nach Vorfällen stattfinden, sondern müssen Teil einer kontinuierlichen Erziehung sein.

Prävention darf nicht erst danach beginnen

Wir benötigen eine Gesellschaft, in der verankert ist: Mein Körper gehört mir. Zustimmung ist die Grundlage jeder sexuellen Begegnung. Damit das gelingt, brauchen Schulen Raum für sexuelle Bildung und digitale Gewalt. Ebenso benötigen die Fachberatungsstellen eine verlässliche finanzielle und personelle Ausstattung, um Betroffene und übergriffige Personenen qualifiziert zu begleiten und Präventionsarbeit zu leisten. Sexualisierte Gewalt ist kein Randthema – sie findet mitten in unserer Gesellschaft statt.

MUT.ich – Caritasverband Paderborn e.V.
Langenohlgasse 2, 33098 Paderborn
Tel.: 05251 889-1405 · E-Mail: mutichcaritas-pb.de

Belladonna – SkF Paderborn e.V.
Kilianstraße 41, 33098 Paderborn
Tel.: 05251 1219619 · E-Mail: belladonnaskf-paderborn.de

Frauenberatungsstelle Lilith e.V.
Elsener Str. 88, 33102 Paderborn
Tel.: 05251 21311 · E-Mail: frauenberatunglilith-paderborn.de


Über den Caritasverband Paderborn e.V.

Der Caritasverband Paderborn e.V. ist Ansprechpartner für Menschen in unterschiedlichsten Lebenslagen. Unter dem Dach des Verbandes  werden 47 Fachdienste und Einrichtungen betrieben. Dazu gehören ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen, Beratungsdienste für Eltern, Kinder und Jugendliche, Suchtkranke, Migranten, verschuldete Personen sowie Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe bis hin zu Offenen Ganztagsschulen.

Beate Lischka

Unternehmenskommunikation

Kilianstraße 26-2833098Paderborn