Eine lange Liste der Toten

Das Forum der Religionen Paderborn gedenkt der fast 35 000 Menschen,
die auf der Flucht nach Europa starben

Paderborn. Am vergangenen Wochenende sind 170 Menschen im Mittelmeer ertrunken. Der öffentliche Aufschrei wäre groß gewesen, wenn es sich um Passagiere des Kreuzfahrtschiffs Aida gehandelt hätte. Die Nachricht wurde jedoch ohne große Aufregung vermerkt. Die Ertrunkenen waren Flüchtlinge – 170 weitere Menschen, die fast unbemerkt von der Öffentlichkeit auf der Flucht nach Europa starben. Das Forum der Religionen Paderborn erinnerte jetzt an die vergessenen Toten.

Wenn man die Namen von 34 361 Menschen hinter einander schreibt, ergibt das eine über 50 Meter lange Liste. Die europaweit agierende und von der EU unterstützte Organisation „United“ hat diese Aufzählung nach eigener Auskunft in Zusammenarbeit mit 555 Organisationen in 48 Ländern zusammengestellt. Der Delbrücker Martin Kolek, der selbst an Rettungsaktionen auf dem Mittelmeer beteiligt war und über diese Erfahrung ein bewegendes Buch geschrieben hat, hatte die Liste auf Einladung des Forums der Religionen nach Paderborn gebracht.

In der Franziskanerkirche musste die Papierbahn in zwei Teile getrennt werden, damit sie in das Kirchenschiff passte. Die beiden Teile der Liste zogen sich längs über die Kirchenbänke, dicht beschrieben mit Namen der Menschen, die zwischen 1993 und 2018 auf der Flucht nach Europa umgekommen sind: ertrunken, erstickt, an Entkräftung gestorben, durch Suizid aus dem Leben geschieden … Hinzu kommen die zahllosen Menschen, von deren Tod niemand etwas weiß. Ihre Zahl dürfte ebenfalls in die tausende gehen. Wenn die Namen oder/und das Alter nicht bekannt sind, erinnern auf der Liste der Todestag und die Todesursache in der unspektakulären und dennoch unfassbaren Statistik an die Verstorbenen.

Das Forum der Religionen, ein Zusammenschluss von 13 Religionsgemeinschaften  in Paderborn, das sich der multireligiösen Zusammenarbeit verschrieben hat, hatte zu der gemeinsamen Gedenkfeier eingeladen, um „jeden einzelnen der Verstorbenen zu würdigen und im Gedenken zu ehren“ – weil wir Menschen sind.  
So stand die Menschlichkeit im Mittelpunkt aller Beiträge in dieser Stunde des Gedenkens und die Zahlen wurden zu Einzelschicksalen, zu Frauen und Männern, zu Kindern, Schwangeren und Kranken.
Vorne, vor der Krippe, stand eine große Gedenkkerze.
Jeder Vertreter der Religionen, der während der Gedenkstunde nach vorne trat und einige  Gedenkworte aus der eigenen Glaubensperspektive sprach, befestigte zusätzlich eine  selbst erstelltes Symbol an der Kerze, die jetzt durch die religiösen Gemeinden Paderborns wandern soll.

Die Liste wirkte gerade wegen ihrer monströsen Einfachheit: eine 50 Meter lange Papierbahn dicht beschrieben mit gestorbenen Menschen zeigt mehr als alles andere die Dimensionen dieses Massensterbens. Mit „Hand, Zunge, Herz“ müsse man gegen ein Unrecht wie das Massensterben auf dem Mittelmeer vorgehen, sagte einer der Redner in der Franziskanerkirche.
Wer die Franziskanerkirche an diesem Abend verließ, nahm eine Gewissheit mit: So darf es einfach nicht weitergehen.