„Im Märchen kann jeder sein, wo er will“

Blick in die Erzählwerkstatt von Marianne Vier (v.l.) Walburga Feierabend (Leitung Tagespflegehaus St. Johannes), Ursula Fischer (Leitung Clemens August von Galen Haus) und Marianne Vier  Foto: Flüter/CV Paderborn Blick in die Erzählwerkstatt von Marianne Vier (v.l.) Walburga Feierabend (Leitung Tagespflegehaus St. Johannes), Ursula Fischer (Leitung Clemens August von Galen Haus) und Marianne Vier Foto: Flüter/CV Paderborn Im Rahmen ihrer Vortragsreihe über das Thema Demenz haben die Caritas-Einrichtungen in Delbrück zu einem Vortrag mit der Märchenerzählerin Marianne Vier in das Clemens August von Galen Haus eingeladen. Dort erfuhren Angehörige von Menschen mit Demenz, aber auch andere Interessierte, welche Wirkung Märchen bei dieser Gruppe von Zuhörern entfalten – und wie die Erzählenden diese Wirkung erzielen können.

Das erste, was ihr an Menschen mit Demenz auffalle, sei ihre Herzlichkeit, sagt Marianne Vier. „Das ist aber schön, dass sie hier sind“ heißt es oft zur Begrüßung, wenn sie ein Altenheim oder eine Tagespflegeeinrichtung besucht. Menschen, die an Demenz erkrankt sind, hätten eine „tolle emotionelle Kompetenz“, meint Marianne Vier. Das ist etwas, das ihr entgegenkommt, denn sie ist eine professionelle Geschichten- und Märchenerzählerin – und bei ihrer Erzählkunst kommt es vor allem auf die Gefühle an, die sie in ihren Zuhörern weckt.

Auch in den Einrichtungen der Caritas in Delbrück war Marianne Vier schon mehrmals zu Gast. Jetzt aber hatte die Caritas sie für einen Vortrag eingeladen, damit sie aus ihrer „Erzähl-Werkstatt“ berichtete. Was können Angehörige und Pflegekräfte von einer erfahrenen Geschichtenerzählerin wie Marianne Vier lernen?

Erzähler von Märchen müssen auf einige Dinge achten, wenn sich in ihrem Publikum Menschen mit Demenz befinden. Alles, was zu sehr emotional belastend ist, sollte vermieden werden. Hexen oder Zauberer können beispielsweise problematische Assoziationen hervorrufen. Volksmärchen eignen sich gut, weil sie eindeutige Zuordnungen erlauben. Dort gibt es Gute und Böse und eine Heldin oder einen Helden, mit denen man sich identifizieren und mit denen man mitzittern kann.

Mimik und Gestik des Erzählers sind wichtig, denn sie beeinflussen die emotionale Botschaft des Textes maßgeblich. Wer erzählen will, sollte sich Zeit nehmen. Es hilft, vor dem Erzählen eine Auszeit zu nehmen, um selbst zur Ruhe zu kommen. Marianne Vier nimmt ein I-Pad mit einem Lautsprecher mit in ihre Runde. Dann kann sie nach Bedarf Musik spielen, die zu der Geschichte passt.

Beim Erzählen entstehen im Kopf der Zuhörer Bilder – Vorstellungen, die von der erzählten Geschichte ausgelöst werden, aber eine stark subjektive Färbung haben, weil sie mit Erinnerungen, Gedanken und Gefühlen aus dem eigenen Leben verbunden werden. Auch wenn das Märchen oder die Geschichte nicht komplett verstanden wird – intuitiv kommt die Botschaft an, die den Zuhörern Unterhaltung, Entspannung und Erleichterung ermöglicht. „Im Märchen kann jeder sein, wo er sein will“, sagt Marianne Vier. Oder wie es in dem Märchen über die Bremer Stadtmusikanten heißt: „Ein jeder findet einen Platz nach seiner Bequemlichkeit.“