Auf die Armut einlassen: Caritas-Direktor Hans-Jürgen Marcus Hans-Jürgen Marcus sprach im Interview über die neue Herausforderung, die die Armut für die Gesellschaft und die Caritas bedeutet.
Wo steht die Caritas heute zwischen Ökonomie und sozialem Auftrag?
Hans-Jürgen Marcus: Die Caritas hat sich modernisiert. Der Verband ist seit Mitte der 90er Jahre einem hohen Veränderungs- und Wettbewerbsdruck ausgesetzt. Dass die Prioritäten in dieser Zeit auf dem Ausbau der Dienstleistungsqualität lagen, ist nachvollziehbar. Dennoch hat die Caritas ihre Aufgabe in der Anwaltschaft für die sozial Schwachen nicht vergessen. Ein Anknüpfungspunkt ist für mich das Leitbild des Deutschen Caritasverbandes. Bundesweite Auch das gute öffentliche Image der Caritas verdankt sich wesentlich ihrem Einsatz für Benachteiligte und An-den-Rand- Gedrängte. Mitarbeiterbefragungen zeigen, dass die Mitarbeiter keine Caritas haben wollten, die nur sozialer Dienstleister ist.
Wie sieht die Caritas aus, die ihre anwaltschaftliche Aufgabe wahrnimmt?
Hans-Jürgen Marcus: Das ist - bildlich gesprochen - die Caritas, die bereit ist, sich auf den Geruch der Armut einzulassen. Ich meine, wirklich nahe an den Menschen zu sein, die betroffen sind. Das ist leicht gesagt, aber schwer getan. Es gehört die Entscheidung dazu, über Armut öffentlich zu reden. Die Landesregierung in Niedersachen veröffentlicht keine Armutszahlen. Das machen seit einigen Jahren dafür die Caritasverbände im Land. Wenn in der Öffentlichkeit respektlos über Armut und Arme geredet wird, dann erwarte ich, dass die Caritas mit einer Gegenposition antritt.
Muss sich die Caritas in ihrer Arbeit umorientieren?
Hans-Jürgen Marcus: Wir müssen den Stachel noch spüren, die Frage, für wen wir da sind. Welche sozialen Gruppen erreichen wir mit unserer Arbeit? Als Caritas-Direktor war ich entschieden dagegen, dass die Caritas in der Diözese Hildesheim teure Seniorenresidenzen errichtet. Das Profil der Caritas darf sich nicht so verschieben, dass wir keine Sozialhilfeempfänger als Bewohner aufnehmen können. Ein anderes Beispiel sind Kindertagesstätten. Dort können wir viele Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen erreichen, auch die, die sonst weit entfernt sind von unserer binnenkirchlichen Kernkultur. Was können wir denen anbieten? Wie können wir sie integrieren? Das sind die Fragen, die wir uns stellen müssen.
Sie fordern, dass im Armuts- und Reichtumsbereich mehr über die „Reichen“ berichtet wird.
Hans-Jürgen Marcus: Es geht nicht darum, Sozialneid zu schüren, sondern die besondere Verantwortung von Menschen mit besonderen Ressourcen – Fähigkeiten, Verdiensten, Möglichkeiten – in unserer Gesellschaft zu thematisieren.
Seit der Agenda 2010 heißt es ja immer: Fördern und fordern. Das Fördern ist ohnehin zu kurz gekommen. Schlimmer aber noch ist, dass wir das Fordern auf Menschen mit materiell begrenzten Möglichkeiten beschränkt haben. Von den Forderungen an Lehrer, Manager oder Professoren war dagegen nur selten die Rede.
Wir alle müssen lernen, dass wir uns sozial verantwortlich einsetzen müssen. Unsere Gesellschaft hat nicht verstanden, dass mit den Ressourcen, die wir als Personen haben, auch soziale Verpflichtungen verbunden sind.
Kinder und Jugendliche haben das höchste Armutsrisiko. Bildung bietet die Chance des sozialen Aufstiegs, verfestigt aber in Deutschland soziale Grenzen. Wie sehen Sie die Entwicklung?
Hans-Jürgen Marcus: Es bewegt sich etwas. Stichworte sind Krippenplätze und frühkindliche Betreuung und Bildung. Da gibt es dank Frau von der Leyen einen gesellschaftlichen Impuls nach vorne. Wir haben eine Entwicklung in Richtung Ganztagsschule. Das alles ist gut für benachteiligte Menschen. Aber es ist zu wenig.
Welche weiteren Maßnahmen können Sie sich als Caritas-Direktor vorstellen?
Hans-Jürgen Marcus: Vieles. In Hildesheim machen wir ein Freiwilliges soziales Jahr, das Schule und Dienste in sozialen Einrichtungen verbindet. Das geht über zwei Jahre. Die 17 Jugendlichen holen in der Zeit den Realschulabschluss nach. Das ist ein großer Erfolg. Es gab kaum Fehlzeiten und das bei Teilnehmern, die vorher eine durchaus schwierige Schulkarriere hinter sich hatten. Sie waren hoch motiviert, weil sie an ihren Einsatzstellen in sozialen Einrichtungen sinnvolle Erfahrungen machten.
Dieses Beispiel zeigt, dass es geht. Allerdings ist die Realität anders. Obwohl die Kultusminister der Länder immer wieder betonen, dass für die Schulabbrecher etwas gemacht werden muss, passiert nichts. Die Hindernisse bestehen weiterhin. Der Diözesan-Caritasverband in Hildesheim will eine Schule für Schulabbrecher gründen. Eine gute Idee, aber der bürokratische Aufwand ist so groß, da können Sie verzweifeln.
Sie warnen vor der Individualisierung von Armut.
Hans-Jürgen Marcus: Armut wird bei uns vererbt. Wenn man einmal auf der Schiene ist, kommt man nicht mehr raus. Dazu kommen die individuellen Schuldzuweisungen, die falsch sind. Viele sozial Benachteiligte sind eben nicht verantwortlich für ihre Situation. Entscheidend ist das gesellschaftliche Umfeld, die soziale Durchlässigkeit, die Förderung durch das Gemeinwesen. Es heißt: Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen, nicht nur die Familie.
Sie sind schon so lange engagiert. Sind Sie entmutigt, weil Fortschritte nur so langsam kommen?
Hans-Jürgen Marcus: Da bin ich ein rettungsloser Optimist. Nach meiner Meinung gibt es nur noch zwei, drei wichtige übergreifende Themen. Eines davon lautet: Wie lernt es die Gesellschaft, solidarisch zu sein? Es gibt wenig spannendere Fragen. Ich würde mir einen Prozess in beiden Kirchen wünschen, der sich damit auseinandersetzt. Wir müssen die gesellschaftliche Intelligenz darauf fokussieren. Und da sind die Kirchen gefragt.
Das Interview führte Karl-Martin Flüter
presse@caritas-pb.de










