Dr. Hans-Jürgen Marcus Marcus beschreibt sich selbst als „rettungsloser Optimist“ (siehe Interview), aber seine Analyse der Gegenwart ist eher grau in grau. Im Frühjahr 2008 erscheint der 3. Armuts- und Reichtumsbericht für Deutschland. Der ehemalige Sprecher der Nationalen Armutskonferenz erwartet, dass dieser Bericht keine Verbesserung, eher eine Verschlechterung konstatiert.
Jeder 5. Jugendliche, jedes 6. Kind ist arm
Der 2. Armuts- und Reichtumsbericht hatte festgestellt, dass 7,8 Millionen Menschen in der Bundesrepublik von Sozialleistungen leben. Die so genannte Armutsrisikoquote lag 2003 bei 13,5 Prozent. Kinder, Jugendliche, Familien und Migranten haben deutlich höhere Armutsrisiken. Jeder fünfte Jugendliche und jedes sechste Kind lebt in Armut. Eine von drei Familien mit drei Kindern ist arm. Migranten haben ein drei Mal so höheres Armutsrisiko wie der Durchschnitt.
Als arm gilt nach der Definition der EU jeder, dem weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Haushaltseinkommens zur Verfügung steht. Nach dem 2. Armutsbericht liegt die Armutsrisikogrenze bei 938 Euro plus Wohnkosten und geringen Zuverdiensten.
1,41 Euro im Monat für Spielzeug
Doch Armut lässt sich mit Zahlen nur schlecht definieren. Das NAK betont die Bedeutung des „soziokulturellen Existenzminimums“. Wer darunter liegt, dem drohen soziale und kulturelle Ausgrenzung. Alarmierend ist, so Marcus, dass das Niveau der Regelsätze von Sozialhilfe und Hartz IV nicht bedarfsdeckend ist.
„Eine Expertise des DPWV hat nachgewiesen, dass bei der Nachberechnung der Regelsätze für das Jahr 2005 durch willkürliche Festlegungen die Summen klein gerechnet wurden“, sagt er. Für Kinder stehen beispielsweise folgende Geldbeträge im Monat zur Verfügung: 3,60 Euro für Schuhe, 1,41 Euro für Spielzeug, 1,33 Euro für Schulhefte, Malsachen und Schreibzeug.
Marcus stellt in Frage, ob der Armuts- und Reichtumsbericht tatsächlich auch die soziokulturelle Gruppe der Reichen genügend berücksichtigt. So werde die zunehmende Einkommensungleichheit nicht genügend berücksichtigt. Heute gehört einem Zehntel der deutschen Haushalte fast die Hälfte des gesamten Nettovermögens. Das untere Zehntel besitzt nichts.
Bildung grenzt aus
Bildung, eigentlich das beste Lösungsmittel für festgefahrene soziale Strukturen, hat in Deutschland die gegenteilige Wirkung. An Schulen und Hochschulen werden die sozialen Verhältnisse zementiert. Wer arm ist, kommt nicht an Bildung. An der Ganztagsschule geht deshalb langfristig kein Weg vorbei, ist Marcus überzeugt: „Ein neuer Geist der Wertschätzung und der Beteiligung muss die im Bildungssystem vorhandenen Tendenzen zur Ausgrenzung überwinden.“
Die Verantwortung übernehmen
Armut ist ein Problem, das alle angeht und nur von allen gesellschaftlichen Gruppen gemeinsam gelöst werden kann. Deshalb fordert Marcus einen generellen Wandel der Einstellungen in der bundesrepublikanischen Gesellschaft, um dem Problem Armut gerecht zu werden. Gerade Menschen mit besonderen Potentialen und Ressourcen - Geld, Bildung, Einfluss – müssten ihre Verantwortung für dieses Thema entdecken. Eine Neuorientierung hält er auch für Caritas und Kirche für wünschenswert. Darüber sprach er ausführlich in einem Interview, das er in Paderborn gab.
Dr. Hans-Jürgen Marcus
stammt aus dem Erzbistum Paderborn. In Bad Westernkotten geboren, studierte der 50-jährige Theologie und Pädagogik und promovierte als Sozialwissenschaftler. 1986 wechselte er als Bildungsreferent in das Bistum Hildesheim, seit 2002 ist er dort Diözesan-Caritasdirektor.
Von 2004 bis 2007 war er Sprecher der Nationalen Armutskonferenz (NAK). In diese Zeit fiel das erste, von der Öffentlichkeit sehr beachtete Treffen von Armen auf nationaler Ebene. Die Nationale Armutskonferenz ist ein Zusammenschluss der Wohlfahrtsverbände (AWO, Caritas, Diakonie, DRK, Jüdische Wohlfahrt und DPWV), von Betroffenenverbänden und Solidaritätsorganisationen, DGB und Bundesjugendring sowie der beiden Kirchen.
Der Caritasverband Paderborn
lädt seine Mitarbeiter jedes Jahr zum Studientag ein. Bei seiner diesjährigen Themenauswahl bezog sich der Verband auf das Leitbild des Deutschen Caritasverbandes, Caritas als „Anwalt und Partner Benachteiligter“. In Workshops diskutierten die Teilnehmer des Studientages darüber, wie sich die Fachdienste und Einrichtungen in Zukunft dem Thema stellen können.
Der Caritasverband Paderborn ist Partner am „Runden Tisch Armut Paderborn“. Im vergangenen Jahr veröffentlichte dieser Zusammenschluss eine Broschüre, die die Hilfsangebote für Menschen mit Armutsrisiko in Paderborn bündelte. Außerdem organisierte der Runde Tisch mehrere Veranstaltungen zum Thema Armut in Paderborn, die auf großes öffentliches Interesse stießen.










